
Zinsen rauf, Börse rauf?
Die Zinsen auf 10-jährige US-Staatsanleihen sind in letzter Zeit auf über 5% gestiegen. Trotzdem haben sich die Börsen im September global gut entwickelt. Wie passt das zusammen? Das haben wir am Makro Mittwoch mit Christian Röhl diskutiert – dem Chief Economist von unserem Partner Scalable Capital.
Der schwache Euro pusht dollarnotierte Aktien bei der Umrechnung. Und getragen wird die Rally fast ausschließlich von Chip-Aktien und KI-Plays wie Meta (+25% im September). Der breite Markt dagegen ist deutlich zurückgeblieben. Gleichgewichtete Branchenindizes abseits von Tech haben 5 bis 8% verloren.
Die Börsianer scheinen zu denken: Das KI-Potenzial ist so riesig, dass paar Prozentpunkte Zinsen mehr oder weniger fast egal sind.
Wen trifft es dann am härtesten?
•Hoch verschuldete Unternehmen: Wer 2021 günstig Anleihen begeben hat, muss jetzt zum Vielfachen refinanzieren.
•Kleinere Firmen: Viele US-Mittelständler sind oft variabel verzinst oder über Mezzanine-Kapital finanziert. Die spüren jeden Basispunkt sofort.
•Immobilien & Infrastruktur: Traditionell hoch verschuldete Sektoren wie REITs und Versorger leiden.
•Konsum: Wenn Verbraucher höhere Kreditkartenzinsen zahlen, werden die Budgets schmaler.
Was treibt die Zinsen? Weniger der Ölpreis als die mangelnde Haushaltsdisziplin der Staaten. Die Inflationserwartungen erklären den Renditeanstieg nicht. Investoren verlangen höhere Risikoprämien, weil Staaten in Europa und Amerika Defizite in normalen Zeiten fahren, die früher Krisenzeiten vorbehalten waren.
Wer jetzt in langfristige US-Anleihen investieren will, sollte eine Währungssicherung mitnehmen, weil bei fallenden Zinsen auch der Dollar schwächeln könnte. Für den risikoarmen Portfolioteil sind aber Euro-Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von zwei bis drei Jahren bei 3,5 bis 3,7% Rendite durchaus attraktiv.